Folgend dokumentieren wir den zweiten Text der neuesten "Roten Spritze", ein überaus lesenswertes Interview, das wir mit zwei Pflegerinnen des Saarburger Kreiskrankenhauses führen durften:

Das größte Problem ist die fehlende Zeit in allen Bereichen

Rote Spritze: Oft hört man von den Problemen bei der Arbeit im Krankenhaus. Wo findet ihr ist das größte Problem im Bereich der Pflege im Krankenhaus?

Ulrike*: Das größte Problem ist die Realität, der Verlust der Menschlichkeit. Man beginnt in einem sozialen Beruf, der ja eigentlich ein Helferberuf ist, den wir gewählt haben mit einem Idealismus. Man möchte Menschen helfen. Und dann wird man direkt damit konfrontiert, dass man das, was man gelernt hat, gar nicht umsetzen kann, teilweise wird man schon in der Ausbildung geschockt, dass man überhaupt nicht so helfen kann, wie man es gerne würde.

Melanie*: Theorie und Praxis ist einfach schon ein riesiger Unterschied. Die Arbeit ist einfach nicht so, wie man sie sich vorgestellt hat. Mir ging es auch einfach oft so, dass ich, wenn ich nach Hause gekommen bin, überlegt habe, ob ich auch alles gemacht habe, was ich wollte und oft nicht zufrieden war mit dem, was ich gemacht habe. Manche können vielleicht auch besser abschalten, aber mich persönlich haben viele Situationen auch zu Hause noch beschäftigt. Ich war froh, wenn wir uns untereinander austauschen konnten.

Ulrike: Das ist auch der einzige Weg, wie man damit klarkommt, wenn man miteinander über Situationen redet. Man stumpft ab. Ein Stück weit stirbt – ja man stirbt ein kleines Stückchen ab, um den ganzen Wahnsinn weiter mitzumachen. Und dann gibt’s ganz kurze, das sind wirklich ganz kurze Augenblicke, in denen man mit Menschen in Kontakt kommt, in denen man Dankbarkeit spürt. Das sind auch nur Kleinigkeiten, die einen hoffen lassen und das Gefühl geben „ich bin doch richtig hier“. Das ist ja auch der Grund, warum ich diesen Beruf gewählt habe.

Rote Spritze: Also habt ihr das Gefühl, dass es an Wertschätzung für euren Beruf mangelt?

Melanie: Ja. Weniger von den Patienten, mehr von den Angehörigen. Diese sehen oft nur das, was vielleicht gerade nicht so gut läuft. Ob es mal die Untersuchung oder Entlassungen sind, die zu spät stattfinden, wofür wir und die Ärzte in dem Moment nichts können oder Kleinigkeiten, über die sich die Angehörigen aufregen.

Ulrike: Man wird keinem wirklich gerecht! Auch sich selbst nicht. Man kann immer nur das Beste aus dem machen, was uns gerade zur Verfügung steht. Das größte Problem ist wohl die fehlende Zeit in allen Bereichen!

Rote Spritze: Was würde eure Situation [theoretisch] verbessern?

Ulrike: Wir bräuchten mehr Zeit. Und wir würden deutlich mehr Zeit gewinnen, wenn wir mehr Personal hätten. Für mich ist das auch ein ganz einfaches Rechenspiel: Wenn einfach mehr Lohn gezahlt werden würde, würden auch mehr Menschen diesen Beruf wählen. Wenn jeder einfach seine 4.500€ verdienen würde, müsste man sich auch keine Sorgen darüber machen, dass der Nachwuchs fehlt. Die Gelder sind ja da.

Rote Spritze: Ist der Faktor Luxemburg und der dort höhere Nettolohn ein Problem für euch in Saarburg? Kennt ihr viele Kolleg*innen, die dorthin abwandern?

Ulrike: Ja, auch wirklich nur wegen des Lohns. Das ist ja eine Art Schmerzensgeld, was da bezahlt wird. Wobei man dort auch seinen Preis dafür bezahlen muss.

Melanie: Viele nehmen da auch in Kauf in einem Altenheim zu arbeiten oder einer Sozialstation, wo die Arbeit sich deutlich zu der im Krankenhaus unterscheidet. Aber wegen des Geldes nehmen das viele in Kauf.

Rote Spritze: Habt ihr schon mal von den Pflegestreiks gehört, die ja z.B. im gar nicht so weit entfernten Saarland auch recht erfolgreich waren?

Ulrike: Im Alltag zieht das eher alles an einem vorbei. Aber eigentlich ist bei uns allen der Wunsch da, dass wir gemeinschaftlich als Sprachrohr agieren würden, geschlossen, als ganzes Haus, in allen Positionen. Die kleine Angestellte und der große Geschäftsführer. Eigentlich müssten wir alle Hand in Hand auf die Barrikaden gehen! Und das eigentlich in ganz Deutschland.

Rote Spritze: Konkret im kommunalen Saarburger Krankenhaus gab es in den letzten Jahren immer wieder Probleme. Wie habt ihr von den Problemen erfahren?

Ulrike: Die Transparenz hält sich stark in Grenzen. Die meisten Informationen haben wir über die Presse bekommen. Es wird viel von Transparenz gesprochen, aber die findet nicht wirklich statt!

Rote Spritze: Welche Veränderungen hat die Umgestaltung vor Ort für euch mit sich gebracht?

Ulrike: Die Gesamtsituation ist so verfahren und untereinander ist die Stimmung zunehmend schlechter. Man merkt schon, es werden mehr Aufträge, mehr Bürokratie, es kommt einfach so viel mehr dazu, was im ohnehin schon überlasteten Arbeitsalltag total überfordert. Arbeiten, die einfach mitgemacht werden müssen.

Rote Spritze: Hängt das konkret mit der Umstrukturierung des Krankenhauses zusammen?

Melanie: Allgemein hat sich die Ausbildung verändert, das betrifft aber alle Krankenhäuser und vor allem die Krankenpflegeschulen. Das liegt an der generalistischen Ausbildung. Die bedeutet, dass die ersten zwei Jahre Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege zusammengelegt werden und erst im dritten Jahr entschieden wird, welche Spezialisierung man wählt. Das ist gerade für Häuser, die nicht alles zusammen haben, schwierig. Man wird schauen müssen, wie die Schüler untergebracht werden können.

Rote Spritze: Nochmal konkret zur Umstrukturierung. Es soll eine psychiatrische Einrichtung in Saarburg aufgebaut werden, vor allem aus Profitgründen. Wie steht ihr dazu?

Melanie: Es werden im Moment schon immer wieder Leute von Station abgezogen, um in der neuen Einrichtung eingesetzt zu werden. Das ist natürlich für die Station, in der die Leute abgezogen werden, sehr schlecht. Die neue Einrichtung und dass diese läuft, steht jetzt im Mittelpunkt. Die anderen Stationen treten in den Hintergrund.

Ulrike: Es ist wirklich der große Versuch, jetzt das umzusetzen, was am meisten Geld bringt.

Melanie: Das war schon der Versuch mit der Geriatrie, das muss man ganz klar sagen. Bei kleinen Häusern ist das so. Wir haben keine Fachstationen, die Geld einbringen, das kann man mit großen Häusern nicht vergleichen. Das Brüderkrankenhaus macht sein Geld mit Kardiologie, das Mutterhaus mit der Pädiatrie und so kleine Krankenhäuser, die müssen dann gucken, wie sie zurechtkommen.

Ulrike: Wenn man jetzt patientenorientiert arbeiten würde, wäre das mit der psychiatrischen Versorgung eine gute Sache. Aber nur wenn es einheitlich und nicht separiert praktiziert werden würde. Viele der chronisch Erkrankten haben z. B. auch krankheitsbedingt psychische Probleme, die man eigentlich ganzheitlich angehen müsste. Das ist aber nicht der Fall.

Rote Spritze: Rheinland-Pfalz hat mit die weitesten Anfahrtswege zum nächsten Krankenhaus, da immer mehr kleine Häuser geschlossen werden. In Saarburg ist das gerade so verhindert worden. War das eine gute Entscheidung? Hätte man etwas anders machen müssen?

Melanie: Dass es offengeblieben ist, ist in jedem Fall gut, das Einzugsgebiet ist groß. Teilweise braucht man bis zum nächsten Krankenhaus eine Stunde Fahrt bis nach Trier oder Merzig, nach Saarburg sind es dann nur 30 Minuten. Der Bedarf ist in jedem Fall da. Wie es bisher war, war es gut. Wir waren ein Akutkrankenhaus mit mehreren Stationen, d.h. wir hatten alles zur Versorgung da.

Ulrike: Reden wir mal von der Entbindungsstation.

Melanie: Das Geburtshaus ist jetzt zu. Die haben noch auf das letzte Baby gewartet und dann haben sie zu gemacht.

Ulrike: Das ist zu? Ernsthaft? Dann habe ich das Baby sogar noch schreien gehört. Ich kriege gar nichts mehr mit, aber irgendwann schirmt man auch einfach nur noch ab. Ich bin mittlerweile so weit, dass ich tatsächlich von nichts mehr was wissen möchte. Ich lese mir nicht mal den neusten Stand der Dinge durch, versuche die Nachrichten auszublenden.

Melanie: Jetzt geht das vielen so. Am Anfang hat jeder noch an das Ganze gedacht und jetzt mittlerweile guckt jeder selbst, wie er da seinen Weg findet und irgendwie zurechtkommt.

Ulrike: Man muss dazu sagen, dass man ja auch so ausgelaugt wird, dass nicht mehr viel vom Tag übrigbleibt. Jeder führt noch sein Privatleben mit seinen Sorgen und Verpflichtungen, da ist dann auch nicht mehr viel mit sozialen Kontakten, die gehen ja auch verloren. Man freut sich dann nur noch drauf, sich daheim verkriechen zu können. Natürlich ist man noch für die Familie da, aber das war‘s dann.

Rote Spritze: Was trägt zu diesem Gefühl am meisten bei? Belastung? Schicht- und Wechseldienst?

Melanie: Ja das auf jeden Fall. Aber vor allem: Einspringen. Wenn man im Frei ist zum Beispiel und dann angerufen wird, um eine Schicht zu übernehmen. Man hat schon Angst, wenn man ins Frei geht und ein Kollege sich krankgemeldet hat. Dann überlegt man: Wo könnte ich noch eine Schicht machen, wenn sie mich fragen. Das führt dazu, dass man sich auch privat einschränkt, Sachen absagt oder verschiebt, nur um den Anforderungen gerecht zu werden. Der Gedanke, dass man wegen dem Krankenhaus kommen muss, steht da gar nicht so im Vordergrund, aber der Gedanke, dass die Kollegen alleine wären, noch mehr Arbeit haben und schlecht besetzt sind. Aber manchmal muss man auch einfach an sich denken.

Ulrike: Genau und das müssen die Leute auch, denn so kann sich das ganze ja auch nur über Jahrzehnte aufrechterhalten, weil wir es mitmachen, das muss man ganz klar so sagen.

Rote Spritze: Wie oft kommt es zu einer Überlastungsanzeige?

Melanie: Das kommt auf die Station und deren Besetzung an, aber es gab schon Zeiten, in denen über Monate in jedem Dienst eine geschrieben wurde. Es ist einfach eine Absicherung für einen selbst. Aber im Endeffekt gab es keine spürbare Reaktion.

Ulrike: Es wurde zwar schon mal nachgefragt, aber nicht jedes Mal, es kam einfach insgesamt nicht viel. Und dann gibt es immer wieder Leiharbeiter, die kosten ordentlich und es ist jedes Mal ein großer Aufwand sie einzuarbeiten.

Melanie: Man fragt sich dann natürlich auch warum. Es heißt immer, dass sich niemand bewirbt, aber ich verfolge die Stellenausschreibungen und habe unser Haus noch nicht darin gesehen. Man müsste aber auch vor allem das Personal wertschätzen, dass schon da ist. Zum Beispiel muss man an Pflichtfortbildungen teilnehmen. Diese sind nach der regulären Arbeitszeit, was heißt, die Pflichtfortbildung geht von der Freizeit ab. Das ist zwar Arbeitszeit, aber was bringt einem das bei ohnehin schon über 200 Überstunden, die man auch nicht frei nehmen kann?

Ulrike: Grundsätzlich wäre es das einfachste, eindeutig und wirklich reichlich mehr Lohn zu zahlen, um Personal und Arbeitskraft zu bekommen. Das wäre für alle gesünder. Wir sind letztlich wahrscheinlich alle ziemlich am Ende, wenn wir hier arbeiten. Es ist körperlich, es ist psychisch einfach eine enorme Belastung. Hätten wir einen größeren Personalpool, könnten wir uns auch selbst gerecht werden. Wir müssen an unsere Gesundheit denken, wenn wir für die Gesundheit von anderen Menschen arbeiten wollen. Für mich persönlich, für meine Familie würde ich gerne Stunden reduzieren, aber auf Grund des Gehalts ist das nicht möglich. Ich möchte meinen Kindern ja auch etwas bieten. Aber wenn es möglich wäre, wäre das schon sehr schön. Damit wäre eigentlich alles behoben.

Rote Spritze: Danke, dass ihr euch Zeit für das Interview genommen habt.

*Namen von der Redaktion geändert




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